Rede des Botschafters bei der Eröffnung der Vila Sul am Goethe Institut in Salvador (16.11.16)

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,

sehr geehrter Prof. Lehmann,

sehr geehrter Secretario Jorge Portugal,

Exzellenzen,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

eine alte chinesische Weisheit lautet wie folgt: „Mein Nachbar und ich haben je ein Ei. Wenn wir sie tauschen, hat jeder weiterhin ein Ei. – Mein Nachbar und ich haben eine Idee. Wenn wir sie austauschen, hat jeder von uns zwei Ideen.“

Dieser Gedanke lässt sich auf den Dialog von Gesellschaften, auf den Dialog von Kulturen, übertragen: Tauschen wir uns aus, inspirieren wir uns gegenseitig, dann erschaffen wir mehr als wir zuvor hatten. Residenzprogramme, wie die Vila Sul am Goethe Institut hier in Salvador, wo der interkulturelle Austausch gelebt wird, bieten den Raum, um diesen Gedanken Wirklichkeit werden zu lassen.

Der deutschen Bundesregierung ist die Förderung von Künstler-Residenzen weltweit ein besonderes Anliegen, daher hat sie die Realisierung der Vila Sul finanziell unterstützt. Das ist gut investiertes Geld. Wird nicht in Verkehrsinfrastruktur investiert, sind Verkehrsstaus die Folge. Wird nicht in kulturelle Infrastruktur investiert, kann es zu Gedankenstaus kommen. Das mag im Zweifel risikoreicher sein!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir leben heute in einer Welt, die immer komplexer wird. Krisen und Konflikte scheinen heute der Dauerzustand zu sein, nicht nur im Mittleren Osten. In diesem Kontext erleben wir derzeit an vielen Orten der Welt ein Erstarken nationalistischer Strömungen. Populisten versuchen vermeintlich einfache Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu geben. Diese Antwort heißt in den Worten der Populisten häufig: „Lasst uns mit den Problemen der Welt in Ruhe! Jeder kämpft für sich allein!“

Doch die Antwort auf den Zustand unserer Welt kann nicht sein, neue Mauern hochzuziehen! Damit meine ich nicht nur physische Mauern, wie wir sie in Berlin kannten. Ich meine damit vor allem die Mauern, die Populisten und Nationalisten in den Köpfen der Menschen zu errichten versuchen: Mauern der Ignoranz, Mauern der Angst,  Mauern der Abgrenzung. Da wird vorgegaukelt, dass wir unsere Identität nur sichern können, indem wir uns einmauern!

Dem müssen wir entgegentreten. Wir müssen Mauern einreißen, statt neue zu errichten. Wir müssen den Austausch und Dialog zwischen den Gesellschaften und den Kulturen weiter intensivieren. Die Auswärtige Kulturpolitik spielt daher – in den heutigen Zeiten mehr denn je – eine zentrale Rolle in der deutschen Außenpolitik insgesamt. Denn sie fördert kulturelle Auseinandersetzung über Grenzen hinweg.

Das Goethe Institut mit seinen rund 160 Instituten weltweit ist für die deutsche Regierung ein zentraler Partner. Goethe Institute bieten weltweit Raum für kritische Gedanken und engagieren sich mit konkreten Kultur- und Bildungsprojekten, um die kulturelle Auseinandersetzung zu fördern. Gerade das Goethe Institut Salvador hat hier eine besondere Tradition. Denn es war während der Militärdiktatur in Brasilien einer der wenigen Orte, der Künstlern und Intellektuellen einen geschützten Raum zum Austausch bieten konnte.

Ich freue mich sehr, dass mit der Vila Sul am Goethe Institut hier in Salvador de Bahia heute eines der wichtigsten Residenzprogramm der südlichen Hemisphäre eröffnet wird und wünsche dem Goethe Institut Salvador sowie allen teilnehmenden Künstlern aus Deutschland, Brasilien und der ganzen Welt ein gutes Gelingen dieses besonderen Projekts!

Vielen Dank.